Wach – aber anders

Wach – aber anders
Photo by Krista Mangulsone / Unsplash

Gleich 2 Uhr. Alles ist dunkel und still. Den Sleeptimer des Hörbuchs habe ich jetzt schon so oft verlängert - und noch immer will der Schlaf nicht kommen. Ich bin müde und gleichzeitig wach.

Aber dieses Wachsein hat nichts von Grübeln oder innerem Lärm. Keine Unruhe, kein inneres Getriebensein. Es fühlt sich eher so an, als würde einfach etwas fehlen, als wäre der Schalter zum Einschlafen nicht auffindbar. Und so liege ich seit Stunden mit geschlossenen Augen im Dunkeln.

Sorge

Dieser Zustand ist nicht neu. Ich kenne ihn von meinen Corona-Infektionen und jetzt ist er mit der Borreliose zurückgekehrt. Es ist ein anderes Wachsein als das, was ich aus Überlastungen kenne. Dort ist oft ein inneres Vibrieren, ein „zu viel“, ein Nervensystem unter Strom. Hier nicht. Hier ist es still. Und trotzdem kommt kein Schlaf.

Es liegt auch eine Sorge darunter. Nicht panisch, eher wie ein Hintergrundrauschen: Was macht dieser Schlafmangel mit mir? Bei ME/CFS ist Schlaf ja nicht nur Erholung, sondern auch Schutz und Regulation. Und ich weiß ja auch genau, welche Auswirkungen "über die Grenze gehen" hat. Weiß, dass Schlafmangel purer Stress ist. Dieses Wissen liegt mit im Bett, auch wenn sonst nichts laut ist.

Irritation

Wenn ich an anderen Tagen merke, dass ich mir zu viel zugemutet habe, habe ich Wege, meinen Körper beim Herunterregulieren zu unterstützen. Etwas, das dämpft, Boden gibt, ein weiteres Abrutschen vielleicht noch abfangen kann. In diesen infektiösen Phasen funktioniert das nicht. Was sonst hilft, greift auf einmal nicht mehr. Manchmal wirkt es sogar, als würde es ins Gegenteil kippen. Das ist irritierend. Und es zeigt mir: Das hier folgt anderen Regeln.

Also habe ich aufgehört dagegen zu kämpfen.

Wenn der Schlaf nicht kommt, bleibe ich liegen. Licht aus, Augen zu. Ein sehr seichtes Hörbuch, keine Spannung, nichts, dem man folgen muss. Nur etwas Gleichförmiges, das nichts verlangt.

Das Entscheidende ist dabei für mich aber nicht die Methode, sondern das Nicht-Hadern. Kein inneres Verhandeln. Kein Rechnen. Kein „Wenn ich jetzt nicht, dann…“. Nur das stille Angebot an meinen Körper: Du musst nichts leisten. Du darfst einfach hier sein. Manchmal wird aus dem Ruhen Schlaf. Manchmal nicht.

Leise Regulation

Und nach einigen Stunden im Dunkeln, mit geschlossenen Augen und ohne Reize, passiert etwas Unerwartetes: Ich fühle mich stabiler als kurz nach dem Zubettgehen. Nicht ausgeruht im klassischen Sinn, aber weniger fragil. Eigentlich würde man erwarten, dass der Körper durch den fehlenden Schlaf immer weiter kippt. Aber erstaunlicherweise ist es anders: Für mich fühlt es sich eher so an, als würde mein System in dieser Reizarmut doch etwas finden, das ihm hilft. Kein Schlaf, aber auch kein weiterer Verlust. Vielleicht sogar eine leise Form von Regulation, die jenseits dessen liegt, was ich normalerweise unter Erholung verstehe.

Diese Nächte sind nicht leicht. Aber ich habe eines verstanden: Mein System ist gerade anders reguliert und braucht nicht mehr Druck, sondern weniger.

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