Verpasse ich gerade meine letzte Möglichkeit – oder verbaue ich mir eine Chance?
„Verpasse ich gerade meine letzte Möglichkeit – oder verbaue ich mir eine Chance?“
Dieser Gedanke lässt mich nicht los.
Jürgen ist am Meer. Und in mir ist diese tiefe Sehnsucht, auch dort zu sein.
Warmen Sand unter den Füßen und Wind auf der Haut zu spüren. Wieder dieses Gefühl von Weite erleben zu dürfen, das man nur am Meer hat. Und vielleicht auch einfach wieder gemeinsam unterwegs zu sein. Raus aus dem Alltag. Nur wir.
Ein Teil von mir denkt: Vielleicht wäre das jetzt noch möglich. Vielleicht würde mein Körper es ja doch noch ohne größere Folgen verkraften. Und vor allem: Wer weiß, wie lange noch.
Gleichzeitig weiß ich natürlich auch, was so eine Reise für mich bedeuten würde – selbst in einem ruhigen Setting. Da ist ja nicht nur das Offensichtliche wie Anfahrt, Ortswechsel und Reize. Schon immer war ich vor Reisen unruhig und nervös. Das würde sich heute wohl ins Unermessliche steigern und für einen extrem hohen Stresspegel sorgen. Was alles andere als förderlich für mein Nervensystem wäre. Dazu kommt noch das Packen und die Überlegung, was ich mitnehmen muss. Was ich auf keinen Fall vergessen darf. Allein der Gedanke daran ist überwältigend.
Wenn ich das alles innerlich durchgehe, ist die Antwort meines Körpers sofort spürbar: Er ist dagegen. Nicht nur vage, sondern sehr deutlich.
Was mich dabei so beschäftigt, ist nicht nur die Entscheidung an sich – denn die gibt mir mein Körper recht schnell. Sondern das, was dahinter steht. Die Angst, meine letzte Möglichkeit zu verpassen. Jetzt könnte eine Reise vielleicht noch gehen. Mit Risiko, mit viel Planung und ausreichend Ruhezeiten. Vielleicht sollte ich sie nicht mehr verschieben auf ein „wenn es mir wieder besser geht“. Aber: Wer weiß, ob dieser Zeitpunkt überhaupt noch einmal kommt. Wie es mir nächstes oder übernächstes Jahr geht.
Und gleichzeitig ist da die Angst in mir, dass ich mir durch genau dieses „Jetzt noch“ etwas nehme, das ich vielleicht später noch brauchen werde.
Denn ich sehe, wie sich mein Zustand verändert hat. Wie sehr es vor allem in den letzten zwei Jahren bergab ging. Durch die Borreliose, die Infektion vor ein paar Monaten, die beiden Umzüge in letzten Jahren. Merke, wieviel empfindlicher mein System geworden ist. Und wie anders ich auf Dinge reagiere, die mein Körper vor nicht allzu langer Zeit noch problemlos toleriert hat.
Ich setze gerade alles daran, dass mein Zustand so stabil wie möglich bleibt – so gut es eben geht. Mit striktem Pacing und der Unterstützung von Jürgen. Auch in der Hoffnung, dass es irgendwann mehr Möglichkeiten gibt. Behandlungen, die vielleicht nicht heilen, aber zumindest etwas an Lebensqualität zurückbringen. Die weniger PEM und ein bisschen mehr Spielraum bedeuten.
Ein Gedanke lässt mich seit einiger Zeit nicht mehr los:
Was ist, wenn es einen Kipppunkt gibt? Einen Punkt, an dem mein Körper so empfindlich geworden ist, dass eine Behandlung gar nicht mehr möglich ist. Weil er nicht mehr genug Regulationsfähigkeit hat, um sie zu tolerieren. Und dass es damit nicht nur um heute geht, sondern auch um morgen.
Ich bin kein leichtfertiger Mensch. So jemand bin ich noch nie gewesen, denn ich denke immer die Folgen mit. Und genau deshalb lassen mich diese Fragen nicht los: Was, wenn ich mir eine spätere Chance auf Verbesserung oder sogar Heilung verbaue, nur weil ich jetzt über meine Grenzen gehe?
Was, wenn ich gleichzeitig gerade meine letzte Möglichkeit verpasse, noch einmal das Meer zu sehen?
Ich weiß darauf keine Antwort. Ich weiß nur, dass es sich nicht wie eine freie Entscheidung anfühlt. Sondern wie ein Abwägen zwischen zwei Dingen, die beide wichtig sind – und die sich vielleicht gegenseitig ausschließen. Und dass diese Zerrissenheit unglaublich viel Kraft kostet.
Vielleicht gibt es auch kein „richtig“ oder „falsch“.
Nur eine Entscheidung, bei der man erst im Nachhinein weiß, wie sie sich ausgewirkt hat.
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