Ohnmacht
Die nächste Tür fällt mit einem Knall ins Schloss.
Ich sitze mit Ohrenstöpseln, Kopfhörer und Sonnenbrille im Rollstuhl neben Jürgen. Alle paar Minuten verlässt ein Arzt, ein Patient oder eine Mitarbeiterin eines der vielen Zimmer auf dem Flur. Jedes Mal wenn die Tür hinter ihnen zuknallt, zucke ich zusammen. Jedes Mal schießt ein Schmerz in meinen Kopf.
Existieren Klinken eigentlich nur in meinem Kopf? Oder sind sie nur Zierde? Warum verdammt, achten nicht einmal die Mitarbeiterinnen oder die Ärzte darauf, die Türen mit der Klinke zu schließen? Ich möchte jeden einzelnen am liebsten anschreien. Aber dann halten sie mich womöglich für verrückt.
Das Telefon der Anmeldung klingelt im Minutentakt. Patienten melden sich an, sprechen miteinander, Rufe mit Fragen oder Anweisungen hallen durch den Flur. Mit jedem Geräusch steigt mein Puls. Schweiß läuft mir den Rücken hinunter. In meinen Augen schwimmen Tränen. Stress durch die laute Umgebung. Aber auch Wut über die Ignoranz. Ich erinnere mich noch an das Gespräch vor vielen Wochen, als der Temin vereinbart wurde und ich der Mitarbeiterin am Telefon meine Situation mit ME/CFS genau beschrieben habe. Ich darum bat, in einer möglichst ruhigen Umgebung und nur kurz warten zu dürfen, der Mitarbeiterin die Folgen schilderte, die eine laute Umgebung für mich hat. Sie sagte mir zu, dass es schnell geht, dass sie mir den ersten Termin der Nachmittagssprechstunde gibt. Warum gilt das nicht mehr?
Sowohl in den Tagen davor als auch auf der vierzigminütigen Fahrt nach Korbach hatte ich meine üblichen Schutzmaßnahmen getroffen. Der erste Schlag kam dann mit dem scheinbar aus Vorkriegszeiten stammenden Fahrstuhl, dessen scheppernde Rolladen vor den Türen trotz doppeltem Gehörschutz durch und durch gingen. Das allein brachte mich schon in einen hohen Stressmodus.
Dann die Anmeldung. Direkt vor der Glasscheibe wartend wurden wir erst einmal minutenlang ignoriert, bevor man uns überhaupt eines Blickes würdigte. Schon da wollte ich am liebsten wegrennen. Irgendwohin wo es ruhig ist. Keine lauten Stimmen, kein Telefon, kein Türenknallen. Aber ich hatte keine Wahl, mein Daumen ist taub. Und das hier ist der einzige Neurologe im Umkreis von 70 km bei dem ich einen Termin bekommen habe - weil ich keine Neupatientin bin. Alle anderen nehmen keine Neupatienten mehr.
Jürgen übernahm die Anmeldeformalitäten. Er händigte auch das Attest meines Arztes aus: PEM kann durch geringe Reizbelastung ausgelöst werden.
Überlastung kann meinen Gesundheitszustand anhaltend verschlechtern. Kurze Termine, keine Wartezeit und eine reizreduzierte Umgebung medizinisch erforderlich.
Das Attest wurde kopiert, abgelegt und - wie wir vorher - keines Blickes gewürdigt. Schon das bekam ich kaum mit, so überwältigend waren all die Reize. Jürgen wies noch einmal darauf hin, wie wichtig eine ruhige Umgebung und kurze Wartezeit für mich sind. Ob eine Antwort darauf kam, daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern, so sehr war ich damit beschäftigt, ruhig zu atmen und die Geräuschkulisse auszublenden.
Ein Patient nach dem anderen wurde vom Arzt ins Sprechzimmer geholt. Er sah uns. Jedes Mal. Und handelte nicht. Trotz mehrfacher Aufforderung meines Mannes. Trotz Hinweis der Mitarbeiterin. Und obwohl ich immer tiefer in meinen Rollstuhl sank.
Es dauerte alleine 25 Minuten, bis ich zur Messung drankam. Und 30 weitere Minuten auf dem lauten Flur, bis der Arzt sich „erbarmte“. Bevor er fragte, um was es bei mir geht, legte er das Attest mit den Worten „Das können wir nicht brauchen“ auf den Tisch. Gewundert hat mich das nicht, denn schon vor zwei Jahren sagte er mir, dass es ME/CFS „nicht gibt“. Auch Jürgens Frage, warum das Attest ignoriert wurde, parierte er mit abschätzigem Blick: „Wenn Sie eine solche Sonderbehandlung brauchen, müssen Sie in ein Krankenhaus mit Maximalversorgung gehen.“ Ich war fassungslos über so viel Ignoranz und Unwissen.
Schon in der Praxis begannen die Kopfschmerzen. Aber das war kein Vergleich zu den folgenden Tagen voller Schmerzen, Übelkeit, Unruhe und lähmender Erschöpfung isoliert im abgedunkelten Zimmer.
Ist diese Behandlung ein Einzelfall? Meine Erfahrung sagt: Nein! Es gibt einige wenige Ausnahmen, aber das hier ist eher die Regel. Und genau das macht mich wütend. Die Ignoranz mit der man ME/CFS-Patienten gegenübertritt. Mit der man sogar eine durchaus mögliche, bleibende Verschlechterung meines Zustandes in Kauf nimmt. Aber auch das Gefühl, dem ohnmächtig ausgeliefert zu sein.
Im ersten Impuls wollte Jürgen direkt zur Polizei gehen und den Halbgott in Weiß anzeigen. Doch erst mit kühlerem Kopf zeigt sich die ganze perfide Situation: Mit einer Anzeige oder einer Beschwerde bei der Ärztekammer, schneidet man sich ins eigene Fleisch. Denn es ist sowieso schon schwer genug Ärzte zu finden, die ME/CFS-Patienten behandeln. Der Aufnahmestopp für Neupatienten, der mit der Gesundheitsreform wahrscheinlich noch viel drastischer wird, tut sein übriges. Und wenn sich eine ME/CFS-Patientin nun auch noch beschwert, wird es nicht nur für diejenige, sondern vielleicht sogar für alle schwer bis unmöglich einen Arzt zu finden.
Aber es ist verdammt schwer, diesen Brocken einfach zu schlucken und tatenlos zusehen zu müssen, welche Folgen Ignoranz, Machtmissbrauch und Unwissenheit haben können. Denn leiden muss ich - und nicht die Ärzte. Und ich frage mich, wo denn deren Grundsatz immer zum Wohl der Patienten zu handeln und Schaden von ihnen fernzuhalten geblieben ist.
„…Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten wird mein oberstes Anliegen sein. …Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren… Ich werde den höchsten Respekt vor menschlichem Leben wahren...“ (Genfer (Ärzte) Gelöbnis, veröffentlicht von der Landesärztekammer Hessen). Sind das auch nur diese netten Sprüche, die man so daher sagt und später nicht mehr beachtet? Gilt das für Halbgötter nicht?
Wenn ich an die meisten Arzttermine in den letzten Jahren denke, scheint das eher dem Motto zu folgen „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“. Denn bis auf ganz wenige Ausnahmen verbringe ich die Folgetage von Arztterminen mit Schmerzen in Dunkelheit und Isolation.
Und darf mich nicht wehren.
Du möchtest den Beitrag kommentieren?
Die Kommentarfunktion ist im Mitgliederbereich freigeschaltet.
Über „Subscribe“ kannst Du Dich registrieren und bekommst eine Nachricht bei neuen Posts.
Mit „Sign in“ meldest Du Dich an, um zu kommentieren oder zu liken.
Ich freue mich über Deine Gedanken zum Beitrag.
Vielleicht interessieren Dich auch diese Beiträge:
Was ich Ärzten gerne einmal sagen würde
Nachgefragt # 3: Warum ducken sich die Ärzte weg, wenn es um ME/CFS geht.