Von außen ein Handgriff
Mein Mann liegt in der Badewanne, sein iPad balanciert auf dem Wannenrand.
Ich sehe es – und bin sofort im Alarmmodus. Nicht wirklich dramatisch, eher ein automatisches, sehr schnelles Erfassen der Situation, dieses Gefühl: Das kippt gleich.
Noch bevor ich darüber richtig nachdenken kann, habe ich schon den Hocker in der Hand und stelle ihn neben die Wanne, damit das iPad dort sicher liegen kann. Ein kleiner Handgriff, der von außen kaum der Rede wert ist.
„Du verpulverst gerade Energie“, sagt er.
Der Satz lässt mich kurz innehalten, weil er etwas berührt, das sich für mich ganz anders anfühlt. Für mich ist das kein unnötiger Einsatz von Kraft, sondern der Versuch, etwas zu verhindern, das sich in mir schon als Möglichkeit aufgebaut hat.
Ich sehe nicht nur das iPad auf dem Rand liegen. Ich sehe es im Wasser. Ich sehe den Moment danach – seinen Frust, dieses „Mir ist gerade alles zu viel“, das sich in den Raum stellt und alles schwerer macht.
Und während ich das denke, spüre ich gleichzeitig, was das mit mir machen würde: die Unruhe, die Spannung, dieses schwer greifbare Zuviel, das sich nicht einfach abschütteln lässt.
Es geht nicht nur um den möglichen Aufwand danach, sondern um das Ganze, was sich daraus entwickeln könnte – an Stimmung, an Reizen, an innerer Anspannung. Darin liegt für mich die eigentliche Abwägung: der kurze Moment jetzt, in dem ich den Hocker verschiebe, oder das, was danach entstehen könnte und mich viel länger begleiten würde.
Gleichzeitig läuft noch etwas Zweites mit, leiser, aber spürbar. Er hat mich heute zum Arzt gefahren und trägt gerade mehr, als ihm eigentlich guttut. Und irgendwo in mir ist der Wunsch, es nicht noch schwerer werden zu lassen – zumindest dort, wo ich mit wenig etwas abfedern kann.
Und da ist auch dieses Gefühl, dass ich es hätte verhindern können, wenn ich nichts tue und es passiert. Nicht laut, eher wie ein leiser Druck im Hintergrund.
Ich merke, dass ich in solchen Momenten nicht nur meine Energie einteile, sondern auch versuche, Situationen ruhig zu halten, vorhersehbar, sie nicht kippen zu lassen – für ihn und genauso für mich.
Weil mich das Danach oft mehr Kraft kostet als das Jetzt.
Von außen ist es ein Handgriff.
Von innen ist es eine Rechnung, in der viel mehr mitläuft, als man sieht.
Und manchmal ist genau das der Punkt: Dass es energiesparender ist, jetzt etwas zu tun, damit ich nicht in etwas gerate, das mich später viel mehr Kraft kostet.
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