Verletzlichkeit, mein stiller Begleiter mit ME/CFS
Ich liege wach und höre auf jedes Geräusch.
Jedes Knacken im Fachwerkgebälk lässt mich zusammenzucken. Ist das wirklich das Holz – oder sind das Schritte?
Ich traue mich nicht, die Geräusche mit den Ohrenstöpseln auszusperren. Der Gedanke, erst wach zu werden, wenn jemand neben mir steht, raubt mir den Atem.
In Gedanken gehe ich das Haus durch. Ob ich wirklich die Haustür abgeschlossen habe. Ob unten alle Türen zu sind, die zum Flur und zur Treppe führen. Neben mir liegt die Schere auf dem Nachttisch, das Licht in Jürgens leerem Zimmer brennt.
Was von außen vielleicht wie Panik wirkt, fühlt sich für mich eher nach etwas anderem an.
Nach Hilflosigkeit.
Jürgen ist ein paar Tage geschäftlich unterwegs und ich bin allein. Was früher einfach selbstverständlich war, bringt mich heute um den Schlaf. Nicht, weil ich mich einsam fühle oder ihm misstraue, sondern weil ich spüre, wie sehr sich etwas verändert hat.
Ich fühle mich verletzlich.
Früher hätte ich mich stark genug gefühlt, um zu reagieren, wenn etwas passiert. Ich hätte mir zugetraut, wegzulaufen, mich zu wehren, irgendetwas zu tun.
Heute weiß ich:
Ich könnte es nicht.
Dieses Wissen sitzt tief. Es ist nicht laut, nicht ständig präsent, aber es verändert etwas Grundlegendes – nicht nur körperlich, sondern auch in dem, wie ich mich in der Welt bewege.
Als unser Hund Oskar noch bei uns war, kannte ich diese Angst nicht. Seine bloße Anwesenheit hat gereicht, um mir ein Gefühl von Schutz zu geben.
Natürlich weiß ich, dass ein Einbruch unwahrscheinlich ist.
Und trotzdem fühlt sich selbst das Unwahrscheinliche plötzlich bedrohlich an.
Die eigene Schwäche wird spürbar – nicht nur als Symptom, sondern als Realität.
Gedanken kreisen unaufhörlich und lassen mich Stunde für Stunde wach liegen. Wenn doch mein Hörbuch mich wie sonst in den Schlaf begleiten würde. Stattdessen meldet sich meine Blase – immer dann, wenn ich denke, gleich schlafe ich ein.
Irgendwann kommt der Schlaf. Flach, noch weniger erholsam als sonst. Mein Körper reagiert auf jedes Geräusch, und ich merke, wie ein Kreislauf entsteht: Je weniger Sicherheit, desto mehr Stress. Und je mehr Stress, desto instabiler mein System.
Mein Kopf weiß, dass mir das nicht guttut. Aber ich finde gerade keinen Weg, mir dieses Gefühl von Sicherheit selbst zurückzugeben.
Also versuche ich, es an anderer Stelle auszugleichen. Nehme mein Pacing tagsüber noch ernster, halte alles möglichst ruhig und überschaubar und zähle die Nächte, bis Jürgen wieder da ist.
Dann kann ich wieder schlafen.
Nicht, weil sich objektiv etwas verändert hätte.
Sondern weil sich etwas in mir beruhigt.
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