Warum ich im Sommer eine Wärmflasche brauche

Warum ich im Sommer eine Wärmflasche brauche
Bild KI bearbeitet

Draußen höre ich die Nachbarn in ihrem Pool baden. Die Fenster sind offen. Es sind 27 Grad.

Und ich sitze eingewickelt in meine Lieblingsdecke und mit meiner Wärmflasche auf dem Schoß im Sessel. Nicht weil mir ein bisschen kühl ist. Nicht weil ich verfroren bin. Sondern weil ich friere. Richtig friere.

Es ist dieses Frieren, das nicht an den Händen beginnt und sich mit einem Pullover beheben lässt. Es sitzt tiefer. Es zieht durch den ganzen Körper. Die Füße werden trotz Wärmflasche oder Socken nicht warm, Arme und Beine werden trotz Decke nicht warm. Manchmal fühlt es sich so an, als würde die Kälte wie eine Eisschicht den Körper überziehen.

Und dann ist es plötzlich vorbei.

Nicht langsam. Nicht so, dass einem nach und nach wärmer wird. Sondern von jetzt auf gleich. Die Decke fliegt weg. Die Wärmflasche wird zur Last. Mir ist heiß und der Schweiß läuft.

Es gibt keine Mitte mehr. Kein „angenehm“. Nur Extreme.

Die Wärmflasche gehört längst zu meinem Alltag wie das Glas Wasser auf meinem Nachttisch. Außer an sehr heißen Sommertagen, liegt sie fast immer irgendwo in meiner Nähe. Vor allem abends im Bett brauche ich sie. Meine Füße werden oft nicht mehr warm und ohne warme Füße kann ich kaum einschlafen. Die Decke ist bis zum Kinn gezogen und ich bibbere vor Kälte. Stunde um Stunde. Bis ich mich durchringe und Jürgen rufe, damit er mir meine Felldecke bringt.

Aber ich weiß genau, was gleich passiert: Es wird ein paar Minuten dauern und dann kommt nicht etwa angenehme Wärme. Innerhalb von Sekunden fange ich plötzlich an zu glühen, als würde ich in einem Backofen liegen.

Dann schiebe ich die Decken weg, um die kühle Luft auf meiner Haut zu spüren. Das tut gut. Zumindest für ein paar Minuten. Dann kommt die Eisschicht zurück und ich fange wieder an zu frieren.

Frieren, Felldecke, Backofen, Eisschicht. Immer und immer wieder. Bis es sich irgendwann beruhigt.

Besonders irritierend ist, dass das alles oft gar nichts mit der Außentemperatur zu tun hat. Ich kann frieren, obwohl es warm ist. Ich kann schwitzen, obwohl es kühl ist.

Und mit der Zeit habe ich gelernt, dass diese Zustände oft etwas ankündigen. Manchmal beginnt es mitten in einer Aktivität, die alles andere als anstrengend ist, mit einem plötzlichen Hitzeausbruch und Schweiß. Erst später merke ich: Der Körper versucht gerade, mir etwas mitzuteilen. Eine Überforderung. Eine beginnende Verschlechterung. Ein Warnsignal.

Nicht immer. Aber erstaunlich oft.

Und es gibt noch eine zweite Seite dieser Temperaturstörung. Denn mein Körper kann sich Temperaturen nicht mehr richtig anpassen. Wenn gesunde Menschen in kaltes Wasser steigen, frieren sie vielleicht kurz. Dann passt sich der Körper an. Er hält die Wärme, reguliert nach und irgendwann wird das Wasser erträglich oder sogar angenehm.

Ich glaube nicht, dass mein Körper das noch kann.

Der Pool der Nachbarn sieht im Sommer wunderschön aus. Aber wenn ich hineingehen würde, wäre mir nicht einfach nur kalt. Mein Körper würde die Wärme innerhalb kürzester Zeit verlieren. Das Frieren würde nicht langsam besser werden, sondern immer stärker. Krämpfe würden dazukommen. Und danach würde ich wahrscheinlich stundenlang frieren.

Und genauso verhält es sich mit Hitze.

Die jetzige Hitzewelle mit weit über 30 Grad ist für mich nicht einfach nur unangenehm. Es fühlt sich eher an wie Fieber. Als würde der Körper überhitzen und gleichzeitig nicht mehr wissen, wie er sich wieder herunterregulieren soll.

Und bevor jetzt einige denken, das seien bestimmt die Wechseljahre: Die hatte ich ebenfalls. Deshalb kann ich beides miteinander vergleichen.

Die Schweißausbrüche damals kamen nicht aus stundenlangem Frieren heraus. Sie wechselten nicht innerhalb von Sekunden zwischen Eiseskälte und Überhitzung. Und sie hatten nichts mit Überforderung oder einer beginnenden Verschlechterung zu tun.

Das hier fühlt sich anders an.

Es fühlt sich an, als hätte mein Körper die Fähigkeit verloren, seine Temperatur zuverlässig zu steuern.

Und deshalb gibt es Dinge, die ich nicht mehr machen kann, obwohl ich sie früher geliebt habe: Baden zum Beispiel. Statt Wohlgefühl und Entspannung bedeutet warmes Wasser heute Belastung. Und Schwimmen im Pool oder Badesee. Allein die Anpassung an kaltes Wasser würde meinen Körper vermutlich mehr Kraft kosten, als ich überhaupt zur Verfügung habe.

Manchmal erzähle ich jemandem davon. Von der Decke im Sommer. Von der Wärmflasche im Juni. Davon, dass ich früher gerne gebadet habe und das heute nicht mehr kann.

Ich sehe, wie die Menschen nicken.

Und ich weiß, dass sie es nicht verstehen.

Nicht wirklich.


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