Zu hell, zu laut, zu nah – mein Erleben von Reizüberflutung bei ME/CFS

Zu hell, zu laut, zu nah – mein Erleben von Reizüberflutung bei ME/CFS
Photo by Oleg Laptev / Unsplash

Es beginnt unscheinbar. Man sitzt zusammen, plaudert, lacht, scherzt. Parfüm und Deo Geruch vermischen sich mit dem Duft von Kaffee. Das Licht fällt hell auf den Tisch, Stimmen schwirren durcheinander, Geschirr klappert. Und plötzlich kippt etwas - trotz Ohrenstöpseln und trotzdem sich der Timer noch längst nicht gemeldet hat. Das, was eben noch schön war, überwältigt auf einmal. Wird von jetzt auf gleich zu laut, zu hell, zu nah.

Ich spüre, wie sich alles in mir zusammenzieht. Noch bevor mein Körper deutlicher wird, merke ich, dass ich gar nicht mehr „dabei“ bin, abschweife, mein Blick ins Leere geht. Dass mir ein Elefant auf der Brust sitzt und das Atmen schwer macht. Und dann ist da dieses dringende Bedürfnis, aufzustehen und wegzulaufen – jetzt sofort, einfach raus, egal wohin.

Nie den richtigen Moment verpassen

Vor allem dieses „Weglaufen-wollen“ ist mein wichtigstes Warnsignal. Wenn ich das ignoriere und nicht sofort reagiere, kippt es. Und genau dann beginnt oft mein inneres Ringen. Mir ist sehr bewusst, dass es zu viel wird, aber mitten im Gespräch will ich auch niemanden vor den Kopf stoßen. Ich höre nicht mehr richtig zu, warte nur noch auf den „richtigen Moment“, um das Ende sanft einzuleiten. Will trotz dem Zuviel die „Normalität“ noch ein bisschen spüren. Nur ein paar Minuten, ein Satz noch, ein Gedanke, eine Verabschiedung. Doch während ich höflich bleibe, verlangt mein Körper längst, dass ich Stopp sage. Nicht gleich, nicht bald - sondern JETZT!!!

Wenn ich diesen Moment des Absprungs zu lange herauszögere, reagiert mein Körper unmittelbar: Dann tut jeder Lichtstrahl weh, jedes Geräusch wird körperlich spürbar, Stimmen verlieren ihre Bedeutung. Ich habe das Gefühl ich ertrage nichts mehr, kein Ansprechen, keine Berührung, keinen einzigen Lichtstrahl. Einfach nichts mehr. Es ist, als würde mein Nervensystem sagen: Zu spät – ich kann das gerade nicht mehr verarbeiten.

Rücksicht ist Verantwortung

Bei ME/CFS ist Reizüberflutung keine Befindlichkeit. Sie ist ein Zeichen, dass das Nervensystem überfordert ist. So als würde jede meiner Zellen gleichzeitig auf Empfang stehen. Ich habe lernen müssen, dass Rücksicht auf mich selbst kein Mangel an Respekt ist, sondern ein Akt von Verantwortung.

Heute habe ich mein Umfeld sensibilisiert. Wenn ich sage: „Ich muss aufhören“, wird das Gespräch sofort beendet. Ohne Floskeln, ohne schlechtes Gewissen. Und das verändert alles. Denn ich darf meine Grenze ernst nehmen, bevor sie mich überrollt.

Warnzeichen sind mein Kompass

Ich habe gelernt, meine Baseline zu kennen, den Punkt, an dem es mir noch gut geht. Wenn ich diesen Rahmen wahre und meine Warnsignale ernst nehme, bleibt mein Nervensystem ruhig. Wenn nicht, fordert es später seinen Tribut.

Nun ist Rückzug für mich nicht mehr unhöflich, sondern Selbstschutz. Und so habe ich mir angewöhnt, mich zwischendurch immer wieder in einen ruhigen Raum zurückzuziehen, das Licht zu dämpfen, zu atmen. Manchmal reicht das. Manchmal braucht es Stunden, bis mein Körper wieder runterfährt. Ich habe gelernt, die ersten Zeichen besser nicht zu überhören. Denn sie sind keine Schwäche, sondern mein Kompass.

Wenn ich später wieder auftauche, wirkt alles etwas gedämpfter, friedlicher.
Nicht, weil die Welt leiser geworden ist, sondern weil ich wieder genug Kraft habe, ihr zu begegnen.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch. Wie erkennst du, dass es zu viel wird und was hilft dir, rechtzeitig Stopp zu sagen?

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