Zwischen gar nicht und ein bisschen
Wie kann man eigentlich morgens so viel müder sein, als man abends ins Bett gefallen ist? Diese Frage stelle ich mir jeden Morgen. Irgendwie habe mich inzwischen daran gewöhnt. Und dann gibt es diese Tage, an den ich aufwache, noch müder bin als sonst und sofort weiß: Heute geht gar nichts. Keine Handlung, kein Gedanke. Einfach nichts.
Das ist nichts, was ich bewusst abwäge, sondern eher eine Zustandsbeschreibung für meinen Körper. Leer. Instabil. Und gefühlt eine Tonne schwer. Allein das Aufrichten verlangt mehr, als irgendwo zur Verfügung steht. Trotzdem fühlt es sich nicht dramatisch an. Eher nüchtern. Wie eine innere Gewissheit: Heute bin ich einfach „not available“.
Irritation
Ich bleibe noch liegen, schließe die Augen. Später sitze ich am Bettrand und stehe irgendwann doch auf. Nicht, weil es plötzlich geht, sondern weil Liegen und Aufstehen sich gleich unmöglich anfühlen. Mit noch immer bleischweren Beinen schleppe ich mich zur Katzenwäsche ins Bad. Anziehen hat etwas von Mount Everest-Besteigung und entsprechend ringe ich mit blauen Lippen nach Luft. Noch eine Pause, bevor ich die Treppe nach unten bewältigen kann. Am Küchentisch reicht die letzte Kraftreserve gerade noch eben um den Löffel fürs Müsli zu halten.
Und dann passiert manchmal etwas, das mich jedes Mal aufs Neue irritiert.
Es wird ein kleines bisschen besser. Nicht gut, nicht leicht und vor allem nicht immer. Aber in dem Moment irgendwie weniger kippelig. Als hätte sich innerlich etwas sortiert oder als hätte das Essen den Tank ein bisschen aufgefüllt. Nicht genug für größere Pläne oder Aktivitäten, aber vielleicht genug, um den Gedanken daran überhaupt zuzulassen.
Alles ist echt
Manchmal funktioniert dann sogar eine Kleinigkeit. Langsam. Vorsichtig. Mit Pausen und aufmerksamem Hinhören. Und genau hier wird es innerlich schwierig für mich. Denn das morgendliche Nein war echt. Auch das Vielleicht als ich aufgestanden bin. Und dieses spätere „es geht ein bisschen“ war auch echt.
Alles fühlt sich wahr an. Jedes für sich in genau dem Moment, in dem ich es fühle. Und trotzdem ist es schwer das auszuhalten. Fast automatisch taucht in mir dieser leise Zweifel auf, den ich kaum auszusprechen wage: Wenn es jetzt geht - war es morgens dann wirklich so schlimm? Habe ich mich geirrt? Habe ich mich selbst falsch eingeschätzt? Es ist kein klarer Gedanke, eher eine innere Irritation. Ein Moment, in dem alles unsicher wird. Ich Dinge in Frage stelle. Die Krankheit. Die Grenzen. Meine Wahrnehmung. Mein Pacing. Als müsste ich plötzlich überprüfen, ob das, was ich morgens so klar gespürt habe, überhaupt Bestand hat.
Manche Tage sind so
Ich weiß, dass mein Verstand Erklärungen dafür hätte. Dass es bei ME/CFS normal ist, dass Zustände sich verändern, ohne dass sich gleich die ganze Krankheit in Luft auflöst. Aber in diesen Momenten meldet sich kein Denken, sondern ein tief sitzendes Misstrauen mir selbst und meiner Wahrnehmung gegenüber. Als müsste alles eindeutig sein, damit es gelten darf.
Aber mein Körper ist nicht eindeutig. Er kennt Zustände, Übergänge, Verschiebungen. Und vielleicht ist genau das so schwer auszuhalten: dass sich etwas verändern kann, ohne wirklich besser zu werden. Dass etwas für einen Moment möglich ist, ohne verlässlich zu sein. Oder auch, dass mein Körper mir morgens etwas anderes sagt als mittags - und beides wahr bleibt.
Manche Tage sind so. Andere nicht. Und vielleicht geht es gar nicht darum, diese Zweifel zu klären oder zu beruhigen. Sondern darum, sie auszuhalten, ohne sich selbst dafür infrage zu stellen.
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