Wenn die inneren Bilder verschwinden
Tränen der Scham liefen über meine Wangen. Warum geht das nicht mehr? Ist meine Liebe nicht stark genug? Wenn ihm jetzt etwas passieren würde, könnte ich noch nicht einmal sein Bild vor meinem inneren Auge sehen… All diese Gedanken wirbelten in meinem Kopf herum. Gleichzeitig war da ein dicker Knoten aus Traurigkeit, Angst und Scham in meinem Bauch. Und der Auslöser war eigentlich banal, nichts Besonderes: Mein Mann war zwei Tage unterwegs. Und wie so oft in solchen Momenten wollte ich einfach kurz an ihn denken. An sein Gesicht, sein Lächeln, seine Art, mich anzusehen.
Früher war das etwas Selbstverständliches, Einfaches: Ich habe die Augen geschlossen und er stand sofort vor mir, warm, lebendig, vertraut. Heute ist es anders. Ich schließe die Augen und für den Bruchteil einer Sekunde blitzt sein Gesicht auf. Wirklich nur ein Hauch von ihm, kaum länger als ein Herzschlag. Dann verschwindet alles sofort.
Undurchdringliches Schwarz
Und danach ist da nichts als - Schwarz. Ein dichtes, undurchdringliches Schwarz, das alles verschluckt, was ich mir vorstellen will. Je mehr ich versuche, das Bild zurückzuholen, desto tiefer wird dieses schwarze Loch in mir. Desto weiter entfernt sich das Bild. Dieses kurze Aufflackern, gefolgt von vollständiger Dunkelheit, erlebe ich inzwischen seit Jahren, aber ich habe es mir lange nicht eingestehen wollen.
Es fühlte sich zu fremd an, zu beschämend, zu schwer greifbar. Ich habe es weggeschoben, als wäre es nur eine Phase oder als würde es sich vielleicht wieder von selbst lösen. Doch genau mit diesen Tränen kam der Moment, in dem ich mir eingestehen konnte, dass ich meine inneren Bilder nicht mehr halten kann. Weder die von meinem Mann, meinen Enkeln oder anderen Personen in meinem Umfeld. Auch bei Traumreisen gelingt kein visualisieren.
Vielleicht tat es deshalb so weh. Nicht nur, weil etwas wichtiges verschwunden war, sondern weil ich innerlich sofort hart mit mir wurde. Als müsste ich mich erklären, rechtfertigen, entschuldigen, warum etwas nicht mehr funktioniert, das früher selbstverständlich war. Erst später habe ich gemerkt: Da war niemand, der mich verurteilte. Nur ich selbst.
Gestern habe ich endlich gefragt
Gestern Abend habe ich zum ersten Mal den Mut gefunden, es auszusprechen und meinen Mann gefragt: „Wenn Du an mich denkst… siehst Du mich vor Deinem inneren Auge?“ Er ist im Moment selbst am Rande seiner Kraft, durch vieles, was um uns herum passiert. Ein Teil von mir hoffte auf ein „Nein“, einfach um nicht so allein damit zu sein. Aber er sagte: „Ja. Ich sehe dich. Immer.“ Ich freue mich für ihn – wirklich. Und trotzdem hat mich dieser Satz kurz aber hart getroffen, weil er mir spiegelte, wie sehr sich meine Innenwelt verändert hat.
Es war ein Moment, in dem ich seine Liebe so tief gespürt habe und sich gleichzeitig ganz tief in mir ein Gefühl von "nicht genug sein" breitmachen wollte. Bis ich begriff, dass Liebe nicht dort endet, wo Bilder fehlen.
Funktion, die leiser gestellt wurde
Ich weiß nicht genau, warum meine inneren Bilder verschwunden sind. Aber erst kürzlich, im Austausch mit zwei anderen ME/CFS-Betroffenen wurde mir klar, dass ich damit nicht allein bin. Sie erzählen von denselben Erfahrungen: dass Bilder nur kurz aufblitzen, dass Visualisierungen nicht mehr greifen, dass Gesichter oder Orte innerlich nicht mehr stabil auftauchen wollen, dass Träume stumpf oder schwarz bleiben.
Und vieles, was über Erschöpfung, Reizüberforderung und kognitive Überlastung bei ME/CFS beschrieben wird, fühlt sich für mich stimmig an. Nicht als Erklärung im wissenschaftlichen Sinn (dafür weiß man noch zu wenig), sondern als ein inneres Bild, das mir hilft, mein Erleben einzuordnen: Weil mein Körper im Energiesparmodus läuft, scheint mein Inneres mitzudimmen. Nicht als Verlust, sondern eher wie eine Funktion, die leiser gestellt wurde, weil die Kraft nicht ausreicht, sie dauerhaft einzuschalten. So fühlt es sich für mich an.
Warum ich das teile
So lange dachte ich, dass es nur mir so geht. So lange habe ich nichts gesagt, weil ich mich dafür schämte und Angst hatte, dass es etwas über meine Liebe, meine Bindungen, meine Persönlichkeit aussagt. Als wäre meine Liebe weniger wert, nur weil sie ohne Bilder auskommen muss. Aber das stimmt nicht. Ich fühle meine Lieben. Ich liebe sie. Ich erinnere mich auf anderen Ebenen – körperlich, emotional, warm. Alles Wesentliche ist da. Nur die Bilder fehlen.
Vielleicht fehlt meinem inneren Projektor einfach der Treibstoff . Und vielleicht kommen die Farben, die Gesichter, die Landschaften irgendwann zurück - in einem Moment, in dem mein System wieder ein bisschen Luft hat. Bis dahin darf ich sanft mit mir sein. Mit meiner Scham. Mit meiner Traurigkeit. Mit dieser Krankheit, die so vieles verändert und trotz allem so viel von mir übrig lässt.
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